Am letzten Wochenende konnten wir noch Gottesdienst in der Auferstehungskirche feiern. Nur wenige waren da, viele waren wahrscheinlich schon verunsichert, ob der Gottesdienst überhaupt stattfindet. Für alle - hier die Predigt vom letzten Sonntag:

 

Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Eines vorweg – zu Beginn: Ich predige heute morgen nicht zur Lage und werde das Wort Corona ab jetzt nicht mehr in den Mund nehmen. Ich habe darüber nachgedacht. Zur Zeit wird so viel über die Situation geredet. Wahrscheinlich brauchen wir das, um unsere Unsicherheit und Sorgen zu teilen.

Wir brauchen aber noch mehr – nicht nur in dieser Zeit: Wir brauchen mehr als Strategien und Risikobewertungen, wir brauchen den Blick darüber hinaus, brauchen Hoffnung. Und als ChristInnen finden wir das im Wort Gottes. Darum geht es – auch heute morgen.

Ich rede nicht zur Lage, sondern zur Sache. Das Wort dafür steht heute in Lk 9,57-62. Da geht es um die Nachfolge:

57) Unterwegs sagte jemand zu Jesus: »Ich will dir folgen, wohin du auch gehst!« 58) Jesus antwortete ihm: »Die Füchse haben ihren Bau und die Vögel haben ihr Nest. Aber der Menschensohn hat keinen Ort, wo er sich ausruhen kann.«

59) Einen anderen forderte Jesus auf: »Folge mir!« Aber der sagte: »Herr, erlaube mir, zuerst noch einmal nach Hause zu gehen und meinen Vater zu begraben.« 60) Aber Jesus antwortete ihm: »Überlass es den Toten, ihre Toten zu begraben. Du aber geh los und verkünde das Reich Gottes.«

61) Wieder ein anderer sagte zu Jesus: »Ich will dir folgen, Herr! Doch erlaube mir, zuerst von meiner Familie Abschied zu nehmen.« 62) Aber Jesus sagte zu ihm: »Wer die Hand an den Pflug legt und dabei zurückschaut: der eignet sich nicht für das Reich Gottes.«

Drei Menschen begegnen Jesus. Keiner der drei bekommt einen Namen. Es könnte jeder sein.

Unklar bleibt auch, wo sich das Ganze abspielt: „Unterwegs.“ Irgendwo auf dem Weg zwischen Galiläa und Jerusalem. So viel ist klar, mehr aber nicht.

Und – erzählt werden nur kurze Wortwechsel. Kürzer geht es nicht. Aber gerade dadurch wird klar, worum es bei Nachfolge geht. Und ebenso wird klar, was uns Menschen dabei im Weg steht - damals und heute. Das wird an diesen Dreien deutlich. Schauen wir sie uns an.

Nummer 1.

Nummer 1 geht von sich aus zu Jesus. Er will ihm nachfolgen. Er will mit ihm gehen. Er sagt: »Ich will dir folgen, wohin du auch gehst!« Da weiß einer, was er will – ohne wenn und aber. Er ist sich sicher.

Woher nimmt er diese Sicherheit? Das wird nicht erzählt. Aber dieser Mensch, er wird seine Gründe haben: Vielleicht hatte er eine besondere Begegnung mit Jesus. Vielleicht hat er etwas Außergewöhnliches bei ihm erlebt. Vielleicht wurde ihm dabei etwas wichtig, was alles andere hat unwichtig werden lassen.

Könnte aber auch sein, dass er spontan und oberflächlich begeistert ist, dass er nur denkt „toller Typ, dieser Jesus.“ Könnte sein, dass ihm gar nicht klar ist, worauf er sich einlässt.

Wir wissen es nicht. Aber ist das so wichtig? Was zählt, ist doch eigentlich der gute Wille. Und der ist da!

Komisch nur, wie Jesus dann reagiert: »Die Füchse haben ihren Bau und die Vögel haben ihr Nest. Aber der Menschensohn hat keinen Ort, wo er sich ausruhen kann.«

Das bedeutet: „Weißt Du überhaupt, worauf Du Dich da einlässt?! Hast Du Dir das auch gut überlegt?“

Diese Antwort ist wie eine kalte Dusche für den, der gerade für die Sache brennt. Sollte Jesus nicht nachsichtiger sein? Muss er denn so abweisend reagieren, wenn einer guten Willens ist.

Allerdings: Nachfolge ist kein Spaziergang und auch kein Wellnessprogramm. Nachfolge macht das Leben nicht leichter, sondern unbequem. Wer nach Jesus fragt und sich an ihn hält, bekommt einen wachen Blick für das Leben. Wer sich für Gottes Willen öffnet, richtet sein Leben danach aus, hinterfragt sich selbst und findet dabei manchmal keine Ruhe.

Nachfolge gibt es nicht zum Nulltarif. Das wird hier deutlich. Darauf weist Jesus Nummer 1 hin; aber es kommt noch besser:

 

Nummer 2.

Nummer 2 ist beschäftig. Er hat zu tun. Deshalb geht er nicht von sich aus zu Jesus, sondern Jesus geht auf ihn zu. Er fordert ihn auf: „Folge mir!“

Erst dadurch wird deutlich, was diesen Menschen gerade beschäftigt: Ein Trauerfall - sein Vater ist verstorben. Da gehört es sich, dass der Sohn sich um die Beerdigung kümmert. Das ist seine Pflicht; und dieser Pflicht darf sich niemand entziehen. Damals schon gar nicht. Hinzu kommt: Nummer 2 ist gar nicht abgeneigt. Er will Jesus ja nachfolgen, nur erst einmal muss er seine Aufgabe erledigen.

Kann man ja verstehen. Soll er doch erst einmal tun, was dran ist - und dann Jesus nachfolgen. Um Neues zu beginnen, muss er das Alte erst einmal abschließen. Trauer braucht ihre Zeit, würde ich sagen.

Aber ich bin ja auch nicht Jesus. Der sagt etwas anderes: »Überlass es den Toten, ihre Toten zu begraben. Du aber geh los und verkünde das Reich Gottes.« Das ist hart! Warum reagiert Jesus so. Es gibt verschiedene Antworten: Manche vertreten die Ansicht, dass Jesus sich hier über alle Konventionen hinwegsetzt. Was die Menschen damals als Pflicht verstanden, stellt er radikal in Frage: Seine Botschaft von Gottes Nähe setzt neue Maßstäbe. So ist das auch in anderen Situationen - wenn er z.B. den Sabbat ignoriert und Kranke heilt. Manche vertreten auch die Ansicht: Das Reich Gottes ist so nah, dass Jesus keinen Aufschub duldet; die Zeit drängt.

Es gibt aber auch noch eine andere Antwort, die mir zu denken gibt: Wer sich Jesus anschließt, hat das Leben vor sich und darf deshalb beim Tod nicht stehen bleiben. ChristInnen sind mit dem Auferstandenen und deshalb für das Leben unterwegs, tanzen im Totentanz dieser Welt konsequent aus der Reihe. Oder – so hat es mal jemand gesagt: „Wir Christen sind Protestleute gegen den Tod.“ Schon jetzt gegen alles, was das Leben in dieser Welt kaputt macht - und das immer in der Hoffnung und Zuversicht, dass mit unserem Christus das Leben siegt. Und nicht der Tod.

 

Nummer 3.

Nummer 3 geht wieder von sich aus auf Jesus zu. Wie der Erste bietet er Jesus seine Nachfolge an. Aber anders als der Erste verbindet dieses Angebot mit einer Bitte: »Ich will dir folgen, Herr! Doch erlaube mir, zuerst von meiner Familie Abschied zu nehmen.«

Das ist doch ebenso sympathisch wie verständlich. Dieser Mensch weiß offensichtlich, worauf er sich einlässt und denkt deshalb voraus: Wer weiß, wann er seine Familie wieder sieht? Er möchte sich verabschieden. Und dann kann‘s losgehen.

Kann ich nachvollziehen. Einfach so alle Brücken abbrechen – das ist schwierig. Warum sollte er sich nicht verabschieden, um dann ganz bei der Sache zu sein?

Aber Jesus sieht die Sache anders: »Wer die Hand an den Pflug legt und dabei zurückschaut: der eignet sich nicht für das Reich Gottes.« … und wieder stößt er jemanden vor den Kopf, der guten Willens ist. Und: Wo ist eigentlich das Problem?

Ich vermute: Das Problem liegt im Wörtchen „zuerst.“ Nachfolge ist eine Frage der Entscheidung. Manchmal gibt es dabei keinen Kompromiss, doch wir Menschen versuchen es immer wieder - handeln (nicht nur!) mit Gott die Prioritäten aus und verstricken uns in Verbindlichkeiten, die uns den Blick nach vorne verstellen.

Dabei gibt es dann ein Problem: Wer immer wieder nach hinten guckt, läuft nicht mehr geradeaus, sondern schlimmstenfalls gegen die nächste Laterne. Es gilt für das Feld des eigenen Lebens wie für das große Ackerfeld der Kirche: Wer immer wieder nach hinten blickt, zieht niemals eine gerade Furche.

 

Drei Menschen begegnen Jesus. Alle drei bieten ihm ihre Nachfolge an.

Und Jesus? Er redet Klartext: Nachfolge gibt es nicht zum Nulltarif. Nachfolge ist der Aufbruch zum Leben. Nachfolge bedeutet: Blick nach vorne.

Geht es nicht etwas diplomatischer? Nein – offensichtlich nicht, denn Jesus ist kein influencer und ChristInnen sind keine follower. Nur wer den Ernst der Sache erkennt, versteht auch, wie das Leben dadurch gewinnt - und zwar so, dass es keine Alternative gibt!

Eines möchte ich übrigens gerne wissen: Wie ging die Sache aus? Wie haben sich die drei verhalten?

Doch das bleibt offen. Und ich vermute, das liegt daran, dass es nicht um diese drei geht, sondern um uns. Wir sind gefragt. Amen.