Andacht Martin Schell 24. Mai 2020, Sonntag Exaudi

֍ Thomas Tesche, Orgel und Gesang „Gott ist gegenwärtig“ von Gerhard Tersteegen (Text 1729) und Joachim Neander (Melodie 1680), Vorspiel und Strophe 1

Gott ist gegenwärtig. Lasset uns anbeten / und in Ehrfurcht vor ihn treten. / Gott ist in der Mitte. Alles in uns schweige / und sich innigst vor ihm beuge. / Wer ihn kennt, / wer ihn nennt, / schlag die Augen nieder; / kommt, ergebt euch wieder.

֍ Martin Schell: Zwei Freunde telefonieren. Der eine hat gerade von seiner Stellensuche erzählt. Er hat eine gute Ausbildung, aber immer werden andere genommen. Er kämpft darum, Hartz IV zu entgehen. „Ich bete für dich“ sagt der andere. Ich bete für dich, dass du die Kraft hast, diese Zeit durchzustehen.“

Und das tut er. Er betet dafür, dass sein Freund die Kraft hat, an bitteren Erfahrungen nicht zu zerbrechen – wenn wieder ein anderer genommen wurde. Er betet dafür, dass sein Freund die innere Zuversicht behält und die Freude an seinen Kindern. Er betet dafür, dass der Freund nicht an sich selbst verzweifelt, sondern sieht, wie viel Hochachtung er verdient für die Art, mit der Situation umzugehen. Er betet dafür, dass sein Freund sich trotz allem von guten Mächten umgeben wissen kann. Er betet auch dafür, dass der Freund bei einer Bewerbung genommen wird, aber es ist nicht seine erste Bitte, eher seine letzte.

Der Freund hört natürlich nicht, wie er betet, er ist ja weit weg. Doch beim nächsten Telefonat sagt er: „Das tut gut zu spüren, dass du mit mir verbunden bist in all diesen Fragen – dass ich da nicht ganz alleine bin.“

Liebe Geschwister: wie fühlt es sich an, wenn jemand für uns betet? Wie viel kann es bewirken, wenn wir für jemanden beten? Und wie verändert es uns selber, wenn wir beten? Im Brief zum Sonntag betet ein Schüler von Paulus, der in seinem Namen schreibt, intensiv für die Gemeindeglieder in Ephesus. Er selber ist im Gefängnis, also in einer Situation, in der er eigentlich nichts machen kann und seine Zukunft ungewiss ist. Wir hören aus Epheser drei die Verse vierzehn bis einundzwanzig (Lutherübersetzung, Revision 2017):

֍ Elisabeth Schell: Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater, von dem jedes Geschlecht im Himmel und auf Erden seinen Namen hat, dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, gestärkt zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne. Und ihr seid in der Liebe eingewurzelt und gegründet, damit ihr mit allen Heiligen begreifen könnt, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, auch die Liebe Christi erkennen könnt, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet, bis ihr die ganze Fülle Gottes erlangt habt. Dem aber, der überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt, dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus durch alle Geschlechter von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

֍ Martin Schell: Dieses Gebet lehrt mich, die Welt und die eigene Situation mit anderen Augen zu sehen. Diese Worte sind nicht nur abgehobene Gedanken. Der Beter weiß: Spiritualität muss geerdet sein. Darum Knien, damals eine bekannte Form, vor Höheren Respekt zu zeigen. Eine leibliche Gebärde ist der Ausgangspunkt, hilft beim Beten. Sie führt zur inneren Haltung der Ehrfurcht.

Dann kommen die Gedanken, die sich auch sonst in dem Brief an die Epheser wiederfinden. Dass Gott unser Vater ist, der unserem inwendigen Menschen Kraft schenkt, dass Jesus Christus in uns wohnt und uns zur Liebe fähig macht. Dass er uns erfüllt mit der ganzen Gottesfülle.

Es geht nicht um ein schnelles Ende der Gefangenschaft, nicht um die Verbesserung der Gemeindesituation. Ich lerne: Beim Beten geht es nicht darum, Gott mit eigenen Wünschen und Vorstellungen beeinflussen zu wollen. Es geht darum, nachzuvollziehen, was in Gottes Wirklichkeit bereits gilt. Im Gebet ergreift und verwandelt Gottes Kraft den ganzen Menschen und strömt durch ihn in die Welt – sogar im Gefängnis.

Doch warum soll um etwas gebetet werden, das bereits gilt? Geistliche Übung sucht den Weg von einem bloß gedachten Gott zu einem lebendig erfahrenen. „Gott liebt uns alle“ – das kann ein völlig leerer Satz sein. Doch wenn ein Mensch spürt, dass diese Liebe ihn tatsächlich umgibt, dann kann er eine unglaubliche Freude und Dankbarkeit erleben, eine Kraft, die durch das Leben trägt.

Dafür wird hier gebetet. Dass die Glaubenserkenntnis nicht bei einer theoretischen Erkenntnis bleibt, sondern in den Herzen der Glaubenden Wurzeln schlägt.

Der Beter wendet sich an Gott, den Vater, den jenseitig verborgenen. Damit überwindet das Gebet die Grenzen der Welt, übersteigt sie und dringt vor bis zu Gottes Thron. Das Gebet eröffnet personale Verbundenheit zu dem, der in absoluter Transzendenz verborgen ist.

֍ Thomas Tesche, EG 165,8
Herr, komm in mir wohnen, lass mein’ Geist auf Erden / dir ein Heiligtum noch werden; / komm, du nahes Wesen, dich in mir verkläre, / dass ich dich stets lieb und ehre. / Wo ich geh, / sitz und steh, / lass mich dich erblicken / und vor dir mich bücken.

֍ Martin Schell: Drei Fürbitten folgen.

In der ersten geht es um das Wohnung-Nehmen von Christus in unseren Herzen. „Herr, komm in mir wohnen“ – so im heutigen Lied. Der innere Mensch, das ist der ganze Mensch, der eigentliche, wahre und glaubende Mensch. Dass dieser innere Mensch wächst und stark wird durch die Kraft des Geistes, darum geht es in der stetigen Übung des Betens.

Die zweite Fürbitte, die mit der Breite, Länge, Höhe und Tiefe der Liebe Gottes, nimmt eine Vision von Jesaja auf: Gott wohnt im Tempel, damit die ganze Welt sich mit seiner Herrlichkeit erfüllt. Ähnliches geschieht, wenn wir beten: Wir treten ein in den Chor der Heiligen, in den Raum der unsichtbaren Verbundenheit aller betenden Menschen. Wer betet, fühlt sich verantwortlich für das Leid der Mitmenschen und übernimmt Verantwortung dafür. Wer betet, erkennt, dass nicht der Zufall regiert, sondern die Liebe Gottes. Wer betet, lebt von der Überzeugung, dass die Welt von der Liebe Gottes getragen wird.

Die dritte Fürbitte: „Damit ihr erfüllt werdet, bis ihr die ganze Fülle Gottes erlangt habt“. Es geht um das, was Mystikerinnen und Mystiker als das Eins-Werden mit Gott bezeichnen. Das eigene Ich wird unwichtiger, weil man sich völlig in Gott aufgehoben fühlt. Im Sonntagslied: „Ich in dir, du in mir, lass mich ganz verschwinden, dich nur seh'n und finden.“

Beten lehrt: all unser Bitten und Verstehen wird übertroffen von der Kraft Gottes, das gesprochene Gebet wandelt sich dann in schweigende Anbetung des Geheimnisses Gottes. Meine Sehnsucht wird gestillt in der Erfüllung durch Gott selbst.

Zum Abschluss, vor dem Lied, ein Gebet von Niklaus von Flüe (https://de.wikipedia.org/wiki/Niklaus_von_Flüe). Und: Bleibt behütet!
Mein Herr und mein Gott, / nimm alles von mir, / was mich hindert zu dir.
Mein Herr und mein Gott, / gib alles mir, / was mich führet zu dir.
Mein Herr und mein Gott, / nimm mich mir / und gib mich ganz zu eigen dir.

֍ Thomas Tesche, EG 165,8
Luft, die alles füllet, drin wir immer schweben, / aller Dinge Grund und Leben, / Meer ohn Grund und Ende, Wunder aller Wunder: / Ich senk mich in dich hinunter. / Ich in dir, / du in mir, / lass mich ganz verschwinden, / dich nur sehn und finden.